Der Wolf im Schafspelz

Dieser Rechner sieht schlicht aus, hat es aber in sich.

Leider hat mein Alienware Aurora R3 Desktop PC vor ein paar Wochen den Geist aufgegeben. Leider? Naja, so richtig zufrieden war ich mit dem Ding eh noch nie, daher kam mir jeder Grund gerade recht, das Ding zu ersetzen. Das Problem lag wohl an der Hauptplatine, was es mir einfach machte, eine Neuanschaffung vor dem Finanzministerium zu rechtfertigen. Schließlich lohnt es sich ja überhaupt nicht, ein überteuertes OEM-Board auf eBay zu ersteigern bzw. überhaupt Geld in eine tooootaaaal veraltete Plattform (Sandy Bridge mit Sockel 1155) zu stecken. 😉

Wer mich kennt, weiß, dass ich bei manchen Dingen wenig kompromissbereit bin. Es musste also etwas mit ordentlich Leistung sein. Der offizielle Grund: Ich verbringe mittlerweile sehr viel Zeit mit Blender. Und es macht halt doch einen Unterschied, ob das Rendern einer Szene 8 Stunden oder nur 2 Stunden dauert. Außerdem gilt für Dinge wie Physikberechnung und so weiter oder wenn eine Szene zu groß für den Speicher der Grafikkarten ist: Je mehr Kerne desto besser. Und natürlich will auch das LG 34UM95 Display mit seinen 3440 mal 1440 Pixeln Auflösung ordentlich gefüttert werden, es sollte genügend Leistung vorhanden sein, um auch in drei Jahren noch aktuelle Spiele in guter Qualität darstellen zu können. Ja, es ist also auch ein Spielerechner, ich geb es ja zu! Nach langer Recherche habe ich mich deshalb für folgende Komponenten entschieden. Vielleicht hilf es ja dem ein oder anderen, der vor einer ähnlichen Entscheidung steht.

Die Komponenten

  • Intel i7-5930K (Haswell-E): Die Variante mit acht Kernen (5960X) war mir zu teuer, das kleinere Modell (5829K) zu beschränkt, da dieser statt 40 nur 28 PCI-E-3.0-Lanes verfügt und ich auf zwei Grafikkarten im SLI Verbund setzen wollte. Eine Entscheidung, die definitiv falsch war und viel Geld gekostet hat. Es macht weder in Benchmarks oder in der Praxis einen spürbaren Unterschied, ob eine Grafikkarte mit x8 oder x16 angebunden ist. Ein 5820K hätte also locker gereicht
  • 2x Gigabyte GTX 980 Gaming G1: Overkill. Fehlkauf, der mir sehr viele Nerven gekostet hat. Gab zum Glück trotzdem ein Happy End.
  • MSI X99S SLI Plus: Schlichtes und einfaches Board ohne viel Schnickschnack, Obwohl mir die Optik des Systems relativ egal ist, gefällt mir das komplett in schwarz gehaltene PCB doch sehr. Verarbeitung ist super, das UEFI einfach und logisch aufgebaut, Übertaktungsmöglichkeiten für den Otto-Normal-Overclocker reichlich vorhanden. Ein gutes, preiswertes Produkt. Trotz der Bezeichnung für luftgekühlte Grafikkarten im SLI-Verbund nur bedingt geeignet.
  • 16GB G.Skill Value DDR4-2400 CL15: Die Auswahl an RAM Modulen war zum Zeitpunkt der Bestellung (Anfang Oktober) sehr dürftig. Die Taktrate des Arbeitsspeichers bringt gerade im Vergleich zu den exponentiell ansteigenden Anschaffungskosten keinen spürbaren Performancevorteil, deshalb denke ich, hier einen guten Mittelweg getroffen zu haben.
  • 256GB Plextor M6e M.2 SSD: Tja, das war wohl ein ziemlicher Reinfall. Zwar bringt diese SSD ordentlich Leistung (700 MB/s sequentiell lesend), dies steht jedoch in keinem Verhältnis zum Preis. Ein Griff ins Klo. Aber natürlich ist es eine schöne Sache, die Systemplatte direkt auf dem Mainboard stecken zu haben.
  • 850 Watt Corsair RM Series: Hat mich in diversen Testberichten überzeugt. Viel Leistung fürs Geld. Der Lüfter läuft erst bei höherer Belastung an und ist selbst dann nur kaum hörbar.
  • Fractal Design XL R2: Optisch schlicht, sauber verarbeitet, für meine Zwecke (Wasserkühlung) gut geeignet. Eine sehr gute Wahl.

 

Erster Test

Erster Test

Die Wasserkühlung

Ursprünglich wollte ich bei einer einfachen Luftkühlung bleiben, nach ersten Tests hat sich das jedoch als möglich, aber nicht ideal herausgestellt. Das Problem: Das Mainboard stellt nur auf den ersten beiden PCI-E Slots die volle Anbindung von 3.0 x16 zur Verfügung. Packt man beide Grafikkarten ohne Zwischenraum zusammen, überhitzt die obere in kürzester Zeit. Dies ist wohl auch dem WindForce Kühler der Gigabyte Grafikkarten geschuldet. Außerdem verteilt dieser die Luft im Gegensatz zum Referenz-Kühler im Gehäuse und presst sie nicht durchs Slotblech hinten raus. Fazit: Zwei derart krasse Hitzequellen überfordern sowohl die eigene als auch die Gehäusekühlung, ein einigermaßen akustisch angenehmer Betrieb ist damit nicht möglich. Natürlich war mir bewusst, dass man mit diesen Komponenten und Luftkühler keinen Low-Noise Rechner bauen kann, ich hätte mir jedoch ein Betriebsgeräusch jenseits von Haarföhn gewünscht. Es musste also eine Wasserkühlung her. Tja. Damit haben wir ein Problem: Es gibt noch keine Wasserkühler für die Gigabyte Grafikkarten mit Ihrem Custom Layout. Also verkaufen und welche mit Referenzdesign anschaffen? Nö. Denn zum Glück stieß ich nach ein wenig Recherche auf Marc Glaser mit seiner Firma LiquidExtasy. Ein überaus freundlicher und sehr zeitnah antwortender Kontakt, der mir zu einem guten Preis zwei Kühler aus der Prototypen-Entwicklung fertigte und innerhalb der vereinbarten Zeit zukommen ließ. Absolut zu empfehlen! Bin außerdem richtig begeistert von Marcs Erfindungsgeist, seinem technischen Können und seiner qualitativ äußerst hochwertigen Ausführung. Doch genug der Lobhubelei, ich denke die Bilder sprechen für sich. Und wie gesagt, das sind noch keine finalen Verkaufsprodukte, sondern „auf die Schnelle“ hergestellte Prototypen, die wohl vorher nur, soweit ich das verstanden habe, in einer Simulation und nicht praktisch getestet wurden. Funktionieren trotzdem sehr gut. Oder gerade deswegen.

Leider passen die Kühler optisch nicht so recht zum Rest des Systems. Da ich hier aber keineswegs einen effekthaschenden, bunten Show-PC baue sondern ein System, das ohne Beleuchtung und Sichtfenster in der Seitenwand die nächsten Jahre unter dem Schreibtisch verbringen wird, ist mir das relativ egal.

Der Wasserkühler von Liquid Extasy in voller Schönheit

Der Wasserkühler von Liquid Extasy in voller Schönheit

Sauber gefräste Strukturen

Sauber gefräste Strukturen

Schön poliert, jedoch sichtbare Frässpuren

Schön poliert, jedoch sichtbare Frässpuren

Der GM204

Der GM204

Die Fingerabdrücke sind von mir

Die Fingerabdrücke sind von mir

Nach dem Abnehmen der oberen Abdeckung

Nach dem Abnehmen der oberen Abdeckung

Über eine Art Brücke verbunden: Die Kühlung der Spannungswandler

Über eine Art Brücke verbunden: Die Kühlung der Spannungswandler

Die restlichen Komponenten sind Standard und größtenteils von EK Waterblocks. Lediglich die Radiatoren sind eventuell noch erwähnenswert: Zwecks optimaler Platzausnutzung sitzen vorne und unten zwei richtig dicke Dinger von Alphacool aus der NexXxoS Monsta Serie mit 280 und 140mm. Der 280er ist von vier Fractal Design Silent Series R2 im Push/Pull Betrieb bestückt. Diese waren beim Gehäuse dabei und sind dafür recht brauchbar. Der 140mm Radiator am Boden wird von zwei Noiseblocker BlackSilent Pro bedient. Bei den oberen Radiatoren habe ich zu zwei günstigen Slim Modellen vom chinesischen Hersteller MagiCool gegriffen. Davon kann ich nur abraten. Sie sind mit einer Lackierung versehen, die einen beißenden, giftigen Gestank verbreitet. Jetzt, nach ein paar Wochen des Entlüftens, geht es in Ordnung. Oder meine Riechzellen wurden mittlerweile weggeätzt. Damit die beQuiet SilentWings nicht alles zur Seite und nicht durch den Radiator rausblasen, habe ich eine simple Adapterplatte entworfen und ausgedruckt. Gesteuert werden die Lüfter von einem Aquaero 5 LT von Aquacomputer. Eine sehr lohnenswerte Anschaffung, wie ich finde, damit kann man die Lüfter sehr schön vielseitig und fein einstellen und somit auf den jeweiligen „Betriebsmodus“ abstimmen. Im Idle-Betrieb reichen zum Beispiel die Lüfter der oberen Radiatoren bei 600 rpm. Resultat: Ein beinahe lautloses System. Die als Zubehör erhältliche RGB-LED habe ich als Ersatz für die ursprünglich in den Einschaltknopf verbaute LED verwendet. Mit entsprechender Konfiguration über die Aquasuite Software kann man also anhand der Farbe die ungefähre Wassertemperatur erkennen und/oder wird auf einen Alarmzustand hingewiesen.

Die Radiatoren passten sehr gut in das Gehäuse, es musste lediglich der Boden des 5,25″ Käfig entfernt und der obere Bereich der Slotblenden bearbeitet werden. Um weiter nach unten zu kommen, musste ich die Halterung der Pumpen/Ausgleichsbehälter Combo massiv umgestalten. Leider wurde es hier recht eng, eine bessere Unterbringung des Behälters war aber nicht möglich. Eventuell wäre ein AB in Form eines 5,25″ Einschubs hier sinnvoller gewesen. Noch ein paar Löcher hier und da gebohrt und fertig…

Entschieden habe ich mich übrigens für das gängiste Schlauchformat von 13/10mm und ganz normalen Anschlüssen mit Überwurfmuttern.

Alphacool NexXxoS Monsta 280mm in der Front

Alphacool NexXxoS Monsta 280mm in der Front

Das Monster

Das Monster

Selbstgedruckter Adapter zwischen den beQuiet! Lüftern und dem Radiator

Selbstgedruckter Adapter zwischen den beQuiet! Lüftern und dem Radiator

Zwei Slim Radiatoren von MagiCool

Zwei Slim Radiatoren von MagiCool

Alphacool NexXxoS Monsta 140mm am Boden

Alphacool NexXxoS Monsta 140mm am Boden

Performance und Overclocking

Der i7-5930K hat seinen Sweetspot bei einer Taktrate von 4,3 GHz (stock 3,5 GHz), die man mit einer Spannung von 1,28 Volt erreicht. Alles darüber braucht ein Übermaß mehr an Spannung und lohnt sich meines Erachtens nicht. Da hatte ich wohl in der Silizium-Lotterie ein wenig Pech, im Internet liest man von Modellen, die bei 1,3 Volt locker 4,5 GHz schaffen. Dank Wasserkühlung liegt die Temperatur des jeweils heißesten Kerns bei weniger als 30 °C über der Wassertemperatur, 65 °C sind also das absolute Maximum. Was das Übertakten der Grafikkarten angeht, bin ich noch nicht so weit, das Feintuning steht noch aus. Ohne Spannungserhöhung erreichen die Karten jedoch einen GPU-Takt von 1500 MHz (stock 1265 MHz) und einen Speichertakt von 7,8 GHz (stock 7GHz). Die Temperaturen der GPUs bleiben dabei bei entspannten 50 bis 60 °C. Ich bin mir sicher, hier noch ein paar MHz rausholen zu können. Für einen Score von knapp über 22.000 Punkte im 3DMark FireStrike Benchmark reicht es jedenfalls schon mal. Die grundsätzliche Systemgeschwindigkeit ist recht angenehm und sollte genügend Reserven für die nächsten Jahre bieten.

Was die Lautstärke des Systems angeht, kann ich nur sagen, dass sich der Einbau/Umbau auf Wasserkühlung definitiv gelohnt hat. Die Radiatorfläche ist leider etwas knapp bemessen. bei Volllast kann man nicht mehr von einem Low-Noise System sprechen, die Lüfter haben alle Hände voll zu tun, das Wasser auf der gewünschten Temperatur zu halten. Dank großer, relativ langsam drehender Lüfter ist das Gesamtgeräusch jedoch sehr angenehm und tieffrequent. Eventuell hänge ich in naher Zukunft noch einen großen externen Radiator dran. Da die Pumpe über ein Neopren-artiges Material entkoppelt angebracht wurde, agiert sie nahezu lautlos und liefert völlig unauffällig die gewünschten 80 Liter Durchfluss pro Stunde.

Überblick über den Innenraum

Überblick über den Innenraum

Kabelsalat auf der Rückseite inklusive Aquacomputer aquaero 5 LT

Kabelsalat auf der Rückseite inklusive Aquacomputer aquaero 5 LT

Der CPU-Kühler von EKWB (Supremacy Evo Nickel)

Der CPU-Kühler von EKWB (Supremacy Evo Nickel)

Das Blockkraftwerk

Das Blockkraftwerk

Obere Radiatoren

Obere Radiatoren

Untere Wärmetauscher

Untere Wärmetauscher

Kupfer

Kupfer

Ausgleichsbehälter inkl. Pumpe von EKWB

Ausgleichsbehälter inkl. Pumpe von EKWB

Fazit

Zwar hat Planung und Recherche, das Zusammensuchen von Teilen, das Warten auf Einzelteile und der eigentliche Zusammenbau über drei Monate in Anspruch genommen, trotzdem oder gerade deshalb muss ich sagen, dass ich dabei sehr viel Spaß hatte. Das Resultat ist ein leiser und alltagstauglicher Rechner, der mehr als genug Leistung für die nächsten Jahre bietet. Es macht trotz erhöhtem Zeitaufwand für mich durchaus Sinn, sich ein eigenes System zusammenzustellen. Nur so bekommt man genau das, was man will. Da man keinen OEM-Käse oder proprietäre Teile verbaut bzw. verbauen muss, kann man auf Fehler oder Missstände besser reagieren und hat es auch bei der Suche nach Ersatzteilen leichter. Aber letztendlich und für mich entscheidend: Der Spaß an der Freude.

3 Kommentare

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  1. - bastlr.de sagt:

    […] Spiele-Rechner hatte die Tage üble Motivationsprobleme. Einen schwarzen Bildschirm hatte ich! Da ich das Problem […]

  2. […] ein upgrade(sowohl CPU/Mainboard, als auch GPU) plane In etwa so hab ich mir das vorgestellt: klick mich Die Fragen an euch: 1. passt der Radiator in die Front? will den mit Silentwings 2 in […]

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