Rezension: David Hurn / Bill Jay – On Being a Photographer

Nun hab ich ja schon viel zu viele Bücher über Fotografie gelesen, aber selten hat mich eins derart vom Hocker gehauen. Der Versuch einer kleinen Zusammenfassung der für mich wichtigsten Aussagen.

In Form eines Gesprächs bzw. Interviews sinnieren zwei ziemlich weise wirkende Herren über die Fotografie. Der Befragte, David Hurn, kann auf eine sehr erfolgreiche Karriere als Fotograf zurückblicken. Begonnen hat alles, als er im zarten Alter von zwanzig Jahren auf die Idee kam, mit einem Freund zusammen nach Ungarn zu trampen und den dort gerade stattfindenden ungarischen Volksaufstand zu dokumentieren. Seine Bilder konnten überzeugen und wurden prompt in der Life und anderen wichtigen Zeitschriften abgedruckt. Nach ein paar weiteren äußerst erfolgreichen Fotoreportagen und einem kurzen Ausflug in die Fashion-Fotografie wurde er 1967 sogar bei Magnum aufgenommen. Anfang der Siebziger gründete er eine “School of Documentary Photography”, die er bis Anfang der Neunziger leitete. Eine bemerkenswerte Karriere. Ein Mann, von dem man viel lernen kann, sollte man meinen. Über den zweiten Protagonisten, Bill Jay, erfährt man leider nur sehr wenig.

Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt. Im ersten Kapitel werden erst mal grundsätzliche Begriffe definiert und erklärt, so zum Beispiel was Fotojournalismus ausmacht bzw. bedeutet. Sehr interessant finde ich, was David Hurn zum Thema dokumentarische Fotografie zu sagen hat, obwohl er sich im klaren ist, dass eine Fotografie nie rein dokumentarisch sein kann, da sie immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit darstellt, spricht er von einem Gefühl der Ehrlichkeit (“honesty”) gegenüber dem zu fotografierenden Subjekt: “In other words when I am taking a picture I know in my heart if I am being dishonest to the subject, if I am not being true to my instincts and feelings.”

Im zweiten Kapitel wird es schon ein wenig praxisorientierter, es geht nämlich darum, wie man ein sich ein zu fotografierendes Thema sucht und auswählt. Vorneweg eine Anmerkung von Herrn Hurn, die mir aus der Seele spricht, er meint, dass die Fotografie nur ein Werkzeug, ein Transportmittel ist, um eine Begeisterung (“passion”) für etwas auszudrücken und zu transportieren. Er unterstützt mich in meiner These, dass außergewöhnliche Bilder rauskommen, wenn man das fotografiert, das man liebt und schätzt. Viel hängt also von der Wahl des Themas ab, der Fotograf ist in erster Linie ein Themen-Auswähler (“subject-selector”). Ein praxisnaher Tipp: Immer ein Notizbuch mit sich führen und eine Liste aufstellen von Dingen/Themen, die einen wirklich interessieren und neugierig machen. Dann nach folgenden Kriterien aussortieren:

Ist es sichtbar (“visual”) und abbildbar?
Ist es machbar oder durchführbar (“practical”)?
Ist es ein Thema über das ich genügend weiß?
Ist es auch für andere interessant?

Sobald ein Thema diese Punkte erfüllt sollte man es genauer und präziser bestimmen. So führt Hurn auf, dass man beispielsweise anstatt einfach nur “Pflanzen” zu fotografieren, “Pflanzen die mit Architektur korrespondieren” oder anstatt “Portraits” eben “Cleveland’s Bildhauer in deren Werkstätten” wählen sollte. Und diese Auswahl ist essentiell! Denn es funktioniert nicht, als Fotograf durch die Gegend zu laufen und darauf zu warten, dass zufällig tolle Bildgelegenheiten aus dem Nichts auftauchen. Gute Planung ist also sehr, sehr wichtig.

Im folgenden Kapitel plaudern die beiden Herren über den Prozess des Schießen der Bilder an sich. Dabei hat Hurn auf die Frage Jays, wie man denn ein visuell interessantes Bild erstellt, eine sehr einfache Antwort: Alles hängt nur von zwei Attributen ab. Wo man steht und wann man den Auslöser drückt. Klingt furchtbar einfach, was? Bei rein statischen Motiven fällt das Timing sogar ganz weg. Außerdem sollte man, da man nie weiß, wie sich eine Situation entwickelt (“pregnant moments”), lieber das ein oder andere Bild mehr schießen, also dran zu bleiben und sich nicht mit dem Bild, von dem man denkt, dass dieses “der Schuss” ist, zufrieden geben. Eine Ansicht, die mir zu denken gibt und sich rein gar nicht mit meiner Arbeitsweise verträgt.

Das Buch hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und stammt aus der Zeit vor der digitalen Revolution, weswegen es ein ganzes Kapitel über das Erstellen von Kontaktabzügen enthält. Somit sind die meisten Informationen hinfällig, einige Tipps, beispielsweise was die Organisation eben dieser Kontaktabzüge angeht, lassen sich jedoch auch auf den heutigen digitalen Workflow übertragen. Sobald meine Dunkelkammer eingerichtet ist werde ich mir dieses Kapitel noch mal zu Gemüte führen.

Das Erstellen eines Essays, also einer Bilderserie oder Fotoreportage, ist da schon sehr viel interessanter. Zu aller erst ist es wichtig, die Absicht bzw. Zielsetzung eines Essays zu bestimmen. Prinzipiell also auch die Verwendung. Und davon abhängig ist auch, wie viele Bilder man für eine Serie produziert. Nachdem man diese beiden Punkte geklärt hat, sollte man darauf achten, einen gewissen Rhythmus innerhalb der Serie zu schaffen, das heißt, nicht nur visuell aufregende Bilder einzubauen, sondern ein realistisches Abbild des fotografierten Themas zu liefern. Das ist natürlich auch wieder vom Thema selbst abhängig. Besonderen Wert legt Hurn wieder auf eine genaue Definition der Ziele eines Projektes, so sollte man vorab zu erreichende “Zwischenziele” innerhalb eines Projekts definieren.

Die Wahl der richtigen Kamera für verschiedene Aufgaben leuchtet ein, ist jedoch nur schwer auf heutige Umstände übertragbar, da heutzutage digitale Kleinbild-SLRs den Markt klar dominieren und digitale Mittelformat-Kameras im Gegensatz zu früheren Analogzeiten exorbitant teuer sind. Zum Schmunzeln hat mich ein längerer Absatz über die Wahl des richtigen Schuhwerks gebracht, ein Thema, das immer wieder in Foto-Ratgebern auftaucht.

Im letzten Kapitel wird mit auf die Fotografie bezogenen Mythen aufgeräumt. Ein Beispiel: Auf die Frage hin, ob der Fotograf selbst zwangsläufig auch der beste Bearbeiter bzw. Aufbereiter seiner Fotografien ist, gibt Hurn ein klares Nein als Antwort. Er begründet es unter anderem damit, dass der Fotograf mit jedem Bild Emotionen verbindet, die aber im Bild nicht oder nur selten auch zu sehen sind. Ein interessanter Ansatz und auch der Grund dafür, dass man Fotos erst mal ein paar Wochen oder Monate liegen lassen sollte, um sich “emotional davon zu lösen” und sie objektiver betrachten zu können.

Abschließend gesehen hat mir dieses nette Büchlein viele neue Ein- und Ansichten beschert, leider kann ich hier nur einen Bruchteil davon wiedergeben. Auch wenn manche Informationen schlichtweg veraltet sind, lässt sich das meiste jedoch auf die heutige Zeit übertragen. Durch die besondere Form des Interviews bzw. Gesprächs hat man beim Lesen das angenehme Gefühl, mitten drin statt nur dabei zu sein, also beim gemütlichen Kaffeekränzchen der beiden Herren fast schon teilzunehmen. Das Buch ist leider komplett auf englisch, ich fand es jedoch relativ einfach und gut verständlich.

Meine Wertung: Sehr empfehlenswert, meiner Meinung nach ein Pflichtkauf!

David Hurn/Bill Jay – On Being a Photographer, erschienen bei LensWork Publishing, 12,95 $ direkt beim Verlag (Link)

Dieser Artikel erschien ursprünglich im leider nicht mehr vorhandenen Pixelpuke Blog.

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